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Meine „trockene“ Top Ten

Musiktipps zur Rückfallprophylaxe

Während meiner Therapie habe ich viel Zeit zum Musikhören gefunden. Manches konnte ich wiederentdecken, Neues kam hinzu und bei vielen Liedern habe zum ersten Mal richtig hingehört, mir die Texte übersetzt und dabei entdeckt, wie viel sie mit mir zu tun haben, was sie mir bedeuten und wie sie meine Stimmung beeinflussen können. Diese zehn Stücke, darunter ein rein instrumentales, sind übriggeblieben. Sie sind immer irgendwie in meiner Reichweite, auf CD gebrannt, im Laptop und auf dem Smartphone gespeichert. Es sind keine Top Ten Hits, keine Partyhighlights und nicht alle Stücke erschließen sich gleich beim ersten Anhören. Aber manchen Dingen im Leben sollte man durchaus eine zweite Chance geben. Wer Lust hat, darf gerne reinhören, freue mich über Kommentare.

Euer Rainer

Paul Weller – Brand New Start

Ursprünglich hatte Modfather Paul Weller den Song für eine Benfizveranstaltung zugunsten von Obdachlosen geschrieben. Es ist vielmehr geworden, ein großartiges Mutmachlied für einen Neuanfang in allen Lebenslagen: „I know it’s never too late, to make a brand new start.“ Wellers Stimme ist nicht schön im eigentlichen Sinn, aber hier so ausdrucksstark wie selten und die George-Harrison-Gitarre leidet mit.

Gerry Rafferty – Right next time

Es kann ruhig auch mal was schief gehen, beim nächsten Mal wird es dann umso besser. Eine wundervolle Botschaft des britischen Songwriters, der leider nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens zuhause war. In seiner 40jährigen Karriere hat er gerade zehn Alben veröffentlicht, aber eigentlich rannte er immer nur dem frühen Erfolg seines Megahits Baker Street hinterher, ehe er mit 63 Jahren an multiplem Organversagen verstarb.

John Lee Hooker – The healer

“The Hook“ist in seiner Karriere unendliche Male über den Tisch gezogen worden. Oder er war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Platz. Jedenfalls muss er erstaunliche Resilienzfaktoren besessen haben. Er selbst erklärte das mit dem Blues, der sei eben mehr als nur ein Klagelied, er besitze auch heilende Kräfte. Carlos Santana und seine Band bereiten den musikalischen Teppich für Hookers Gegrummel. Eine von vielen großartigen Kollaborationen in seinem Spätwerk, die ihm im Alter von über 70 doch noch den verdienten materiellen Wohlstand bescherten.

Alanis Morisette – Thank You

Einfach mal danke sagen? Aber wofür? Alanis Morisette stellt Fragen dazu, auf die sie im Anschluss an einen Selbsterfahrungstrip durch Indien gestoßen ist. So betrachtet, ist das Lied eine Anleitung zur Selbsthilfe geworden. Die einfache Aufforderung, mal draufzugucken, was wirklich wichtig ist im Leben und worauf man getrost verzichten kann. Nicht, dass das leicht wäre, aber es lohnt sich.

Element of crime – Bring den Vorschlaghammer mit

Aufräumen und sich von Dingen trennen ist ja auch nur eine Form der Veränderung. Sven Regeners lakonische Betrachtung des Inventars mit der Empfehlung zur radikalen Entsorgung lässt sich problemlos auf immaterielle Güter übertragen. Gedankenmüll ist oft härter als Beton, da hilft dann nur noch der Vorschlaghammer. Ein Protestlied gegen zu viel Nostalgie.

Peter Gabriel – Downside up

Bei seinen Konzerten kündigte Peter Gabriel den Song meistens wie folgt an: „Lege dich auf eine Wiese und betrachte den Himmel. So lange, bis Du ihn als den Ozean unter Dir wahrnimmst. Und dann mal Dir aus, was das für deinen Gefühlszustand bedeutet.“ Kindliche Neugier wiederentdecken kann so einfach sein. Also: ausprobieren. Es ist genug Platz draußen.

Stolen Moments – John Hiatt

John Hiatt ist vor allem als Songschreiber für andere bekannt und erfolgreich geworden. Und ungeheuer produktiv, leider lange Zeit unter Zuhilfenahme von Treibstoffen, die auf die Dauer nicht gesund für ihn waren. Mit Anfang 30 begibt er sich in Therapie und schafft den Ausstieg aus dem Suchtkreislauf. Auch dieses Lied hat damit zu tun. Gestohlene Momente? Ja, genau, das sind die Augenblicke, die man der Welt um sich herum stiehlt, von denen man gar nicht erst etwas verrät, die man ganz allein für sich hat, ohne funktionieren zu müssen, ohne Stress, ohne Sorgen, ohne alles andere. Da findet das wahre Leben statt. Hiatt lebt das jetzt seit über 30 Jahren. Ohne viel Aufhebens darum.

Van Morrison – Behind the ritual

Der Mann aus Belfast gehört ohne Frage zu den verschrobensten Persönlichkeiten im Musikbusiness. Wem sonst würde man durchgehen lassen, dass er das Wort „blah“ in einem Lied so unendlich oft wiederholt wie hier? „Behind the ritual, you’ll find the spiritual“, das ist Morrisons Weg zur Auseinandersetzung mit seiner Alkoholabhängigkeit gewesen. Er ist bekennender „Teetotaler“, eine Bezeichnung, die Teile der britischen Abstinenzbewegung für sich verwenden. 2008 untersagt er den Alkoholausschank bei seinen Konzerten. Nicht aus missionarischen Gründen, sondern einfach nur, um die Atmosphäre der Veranstaltung nicht durch besoffenes Publikum zu beeinträchtigen.

Stephan Remmler – Vier Uhr morgens

Wort für Wort brutal lebensnah beschrieben. Und die Musik schleppt sich exakt so dahin, wie man es in diesem Zustand zur genannten Uhrzeit empfindet. „Wenn mich nicht vorher das Trinken umbringt, dann die Erinnerung an Dich.“ Schuld sind sowieso immer die anderen. Dann schenk ich mir eben noch einen ein. Selbstironie, die im Hals stecken bleibt, nur halt verdammt gut beobachtet.

Stevie Ray Vaughan – Riviera Paradise

„This one goes out to anybody still suffering“, lautete Stevie Ray Vaughans Ansage für dieses Instrumentalstück bei seinen Konzerten. Komponiert hat er es angeblich während seiner Entziehungskur gegen jahrzehntelange Alkohol- und Kokainabhängigkeit. Der Titel soll eine Reminiszenz an eine Rehabilitationseinrichtung in Kalifornien sein. Dabei hat er nichts vom peacefull easy feeling, das in der Regel mit Kalifornien verbunden wird. Nur zweieinhalb Jahre später kam der Ausnahmegitarrist unter tragischen Umständen bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben. Nur 35 Jahre alt.

Viel Spaß beim Hören ! Rainer

Rainer
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„Ich gehe langsam, aber ich gehe nie zurück." Abraham Lincoln soll das gesagt haben. "Rüm Hart, Klaar Kiming" das ist eine Friesische Lebensweisheit, die mir imponiert. “
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