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Kerstin über Ess-Störungen

Was genau ist eigentlich eine Essstörung?

Essstörungen sind ernsthafte Erkrankungen, durch die der Umgang mit dem Essen und das Verhalten zum eigenen Körper gestört sind. Es gibt vier große Hauptkategorien von Essstörungen. Es gibt aber auch noch einige mehr.

  1. Adipositas – krankhafte Fettsucht (ab einem bestimmten Body-Maß-Index (BMI = Körpergewicht in Relation zur Körpergröße)). Spannend hierbei, dass dieser BMI mehr oder weniger willkürlich von einer US-amerikanischen Lebensversicherung eingeführt wurde, um zusätzliche Risiken durch Übergewicht zu erfassen. Adipositas ist seit 2020 eine anerkannte Krankheit.
  2. Magersucht (Anorexia nervosa) – ist eine schwere Störung des Essverhaltens. Charakteristisch ist eine permanente Angst, Gewicht zuzunehmen. Die Betroffenen sind extrem dünn und Untergewichtig. Die Körperwahrnehmung ist derart gestört, dass sich diese extrem dünnen Menschen als dick wahrnehmen.
  3. Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) – Charakteristisch für diese Form der Essstörung ist, dass die Betroffenen ein unkontrolliertes Verlangen nach Essen haben und anschließend das Essen wieder erbrechen. Zu dem Krankheitsbild gehört auch ein Missbrauch von Abführmitteln, um
    das Gewicht zu reduzieren. Oft aber auch ein übersteigertes, exzessives Verlangen nach körperlicher Bewegung, um Gewichtzunahme zu verhindern. Die Bezeichnung „nervosa“ deutet auf die psychische Komponente hin.
  4. Binge-Eating-Störung – hier handelt es sich um immer wiederkehrende, unkontrollierte Essanfälle bis hin zur Schmerzgrenze, wo innerhalb kurzer Zeit exzessiv übermäßige Nahrungsmengen zu sich genommen werden. Auch das typische „Grasen“ ist ein Symptom. Dies bedeutet, dass der Betroffene den ganzen Tag am Essen ist und nicht nur zu den (Haupt)Mahlzeiten. BES Wird erst seit einigen Jahren als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt.

Wirft man einen Blick auf Statistiken, dann ist zu erkennen, dass die Anzahl der an Magersucht erkrankten Personen in den letzten 10 Jahren um 30% gestiegen ist. Hier klicken, um zur entsprechenden Statistik zu gelangen.

Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen sind laut RKI (Robert-Koch-Institut) übergewichtig, ein Viertel der Erwachsenen Personen in Deutschland leidet unter Adipositas, das sind über 20 Millionen Menschen. Hier klicken, um zur entsprechenden Statistik zu gelangen.

Meine eigene Erfahrung?

Das Thema rund um Essstörungen ist stark schambehaftet. Zum einen ist es beschämend, wenn man in die Stühle im Café nicht reinpasst oder, wenn man sich hineinzwängen konnte, beim Aufstehen aber drin hängen bleibt. Ebenso beschämend ist es, wenn die Stewardess im Flugzeug eine Gurtverlängerung holen muss. Oder wenn im Jeansladen die Verkäuferin mit einem geringschätzenden Blick verkündet, dass es in meiner Größe hier wohl nichts für mich geben wird. Denn die landläufige Meinung lautet, dass dicke Menschen einfach nur disziplinlos sind.

„Friss doch einfach weniger, dann haste auch keine Probleme!“

Die Gründe für eine Essstörung sind jedoch vielfältig, vielschichtig und individuell sehr unterschiedlich. Da könnte der geringe Selbstwert eine Rolle spielen, ebenso wie Perfektionismus, Leistungsansprüche, Kontrollbedürfnis, eine geringe Konfliktfähigkeit und auch traumatische Erlebnisse wie Misshandlungen oder Missbräuche.

Behandlungsmöglichkeiten gibt es viele. Oftmals wird bei der Adipositas am Ende durch operative Eingriffe (ab einem bestimmten BMI) eine Magenverkleinerung vorgenommen.

Meine persönliche Meinung?

Bei der Essstörung wird das Essen als Ersatz genommen. Genau wie bei jeder anderen Sucht gibt es einen Druck. Der oder die Betroffene hat das Gefühl den Druck nicht aushalten zu können. Dann „springt die Sucht ein“. Das Suchtmittel lenkt ab, betäubt, verschafft einen Zeitaufschub. Das gilt meiner Meinung nach genauso für substanzlose Süchte wie Internetsucht, Kaufsucht, Arbeitssucht, Spielesucht, Sexsucht oder Pornosucht …. .
Über einen (meistens) sehr langen Zeitraum haben wir uns diese Verhaltensweisen antrainiert. Da kommt der Brief vom Finanzamt, löst ungute Gefühle aus, weil ich eine schlechte Nachricht befürchte, damit ich mich mit dem Gefühl nicht auseinandersetzen muss, greife ich zur „Droge“, zum Suchtmittel. Es gab einen Streit mit dem Partner, ein unangenehmes Gefühl, Stress auf der Arbeit, eigene Leistungsansprüche. Die Gründe, weshalb jemand zum Suchtmittel greift, sind unzählig!

Der Lösungsansatz?

Natürlich kann man „im außen“ nach Lösungen suchen. Eine Verhaltenstherapie machen, Diäten, Operationen, Psychotherapie, Traumatherapie und einiges mehr.

Meine persönliche Erfahrung?

Meiner Ansicht nach kann die Lösung für eine Essstörung nur in jedem Menschen selbst gefunden werden. Ich kann meine Werte überprüfe, ob das wirklich meine eigenen Maßstäbe sind oder ob ich mir Werte „der Gesellschaft“ anzueignen versuchen, die ich nie erfüllen kann. Dazu gehören beispielsweise einem vermeintlichen Schönheitsideal zu entsprechen oder ein gewisses Männerbild oder Frauenbild im Kopf zu haben, welches perfektionistisch sein könnte und nie dem Ideal des Menschen selbst entspricht. Das Selbstwertgefühl nicht von der Anerkennung der Menschen um einen herum abhängig zu machen, ebenso wie die Liebe nicht vom anderen zu erwarten oder zu hoffen, dass andere Menschen einen glücklich machen. Bereit sein zur Vergebung und dazu, die Vergangenheit und alle Vergeltungsgefühle loszulassen. Und letztendlich die Gefühle nicht weiter zu verdrängen. Stattdessen sich der Angst vor Gefühlen zuwenden, die Gefühle zuzulassen und fühlen.

Eure Kerstin (angehende SoberGuide)

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Mein Leben mit einer abhängigkeitserkrankten Person

Unsere SoberGuides Angela und Katrin im Gespräch

Angela: Wie sieht mein Alltag mit einem „hilfebedürftigen“ Menschen aus?
Sogenannte Co-Abhängige haben meist ein Verhalten gelernt, das mit der Aufmerksamkeit bei „Anderen“ liegt und die Fürsorge für sich selbst hinten anstellt.
Wie geht es dir momentan mit deinen eigenen Bedürfnissen und Kräften?
Was stützt dich persönlich in deinem Alltag, was hilft dir dein Leben zu bewältigen?
Wenn dich ein anderer Angehöriger oder Mitbetroffener fragen würde, was tut dir gut tut, was würdest du ihm sagen?
Welche ungelösten Themen und Fragen hast du im Zusammenleben mit einem Suchterkrankten/Abhängigkeitserkrankten?

Katrin: Es kann unglaublich schwer fallen zu erkennen, hauptsächlich andere Menschen im Fokus zu haben. Die Gründe sind vermutlich genau so vielfältig, wie wir Menschen. Es lohnt sich trotzdem genauer hinzuschauen: Sind es Kindheitsprägungen? Glaubenssätze ANDERER Menschen, die ich ohne Überprüfung übernommen habe?
Oft dient es auch dabei „sich selbst zu vermeiden“. Ist es doch so viel angenehmer andere zu beobachten, Ratschläge zu erteilen und zu bewerten.
Wenn uns die Motive BEWUSST sind, ist es auch in Ordnung, dann hatte ich eine Wahl und habe eine Entscheidung getroffen.
Schwierig bleibt es aber, wenn ich nicht weiß, warum ich immer wieder in die gleichen Fallen gerate.

Angela: Ja spätestens als ich wahrgenommen habe, dass ich immer wieder an „die selbe Art Menschen“ gerate und mit ihnen immer wieder ähnliche Themen und Schwierigkeiten hatte, merkte ich langsam, dass es nicht nur an den Anderen liegen kann. Ich fing an nachzudenken und nachzuforschen woran das liegen könnte. Und ich entdeckte, dass ich schon als Kind die Aufgabe übernehmen musste, das Gleichgewicht in der Familie zu wahren, indem ich auf meine psychisch kranke Mutter „Rücksicht“ nahm und dabei meine Bedürfnisse zurückzustellen lernte.

Katrin: Ich würde sogar behaupten Probleme in Beziehungen liegen zum größten Teil bei uns selbst. Wir mögen aber viel lieber dem anderen die „Schuld“ geben.
Ist es denn nicht: MEINE Sicht der Dinge? MEINE Erwartungshaltung? MEIN Mangel, den mein Partner auffüllen soll?
Wenn mir in der Beziehung etwas fehlt, kann ich verlangen, der andere soll es mir geben, soll sich ändern? Oder ist es dann nicht mein Part etwas zu verändern?

Und welche Ansicht hast du dazu?

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Unzufriedenheit ist der erste Schritt zum Rückfall!

Ich glaube, es gibt mindestens so viele Gründe Alkohol oder andere Suchtmittel zu konsumieren, wie Menschen, die ihrem Suchtmittel verfallen sind. Dennoch schiebt sich einer der vielen Gründe für mich immer wieder in den Vordergrund – Die Unzufriedenheit!

Ich weiß nicht von wem der folgende Spruch kommt, dennoch spiegelt er meine gemachten Erfahrungen wider.

„Unzufriedenheit ist der erste Schritt zum Rückfall!“

Ein Satz, dem eine gewisse Logik innewohnt. Und wenn wir den Grund dafür schon wissen, sollte es doch ein Einfaches sein, ihn abzustellen.

Der Satz lässt sich übrigens auch auf nicht abhängig konsumierende Menschen anwenden, denn auch diese können zurückfallen. Ich glaube jeder Mensch hat Gewohnheiten und Mechanismen, die in der Kindheit durchaus sinnvoll gewesen sind und uns bis in unser erwachsenes Leben begleiten. Leider hindern uns diese Gewohnheiten und Mechanismen daran, auch erwachsen zu handeln. Dabei ist es egal um welches Problem es geht, wir verhalten uns mit diesen, uns liebgewordenen Gewohnheiten, nicht erwachsen und handeln nicht nachhaltig!

Der Umgang mit uns selbst ist eben oftmals nicht einfach. Ich glaube es gibt mindestens 2 Arten von Unzufriedenheiten.

1.

Die erste nenne ich einmal „den schnellen Ärger“. Er tritt plötzlich auf und nach einer relativ kurzen Zeit finden wir eine Lösung für diesen Ärger und können ihn abstellen. Damit will ich nicht sagen, dass er nicht zu einem Rückfall führen kann. Wenn ich mir einen Menschen vorstelle, der erst vor Kurzem den Ausstieg aus dem Konsum geschafft hat, den kann ein Unfallschaden am Auto schon aus der Bahn werfen, während ein in seiner Abstinenz gefestigter Mensch vom Ärger durchgeschüttelt wird, er kurz darüber nachdenkt und die nötigen Schritte einleitet. Nach ein paar Tagen stellt er fest, dass der Ärger verflogen ist und flammt höchstens noch einmal kurz auf, wenn das Gespräch darauf fällt.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal eine Lanze für die Selbsthilfegruppen brechen. Gerade Menschen, die sich noch nicht so lange auf dem Weg in die dauerhafte Abstinenz befinden, können dort aufgefangen und gestärkt werden. Die Selbsthilfegruppe bietet ein Format, bei dem ich meine Gefühle auf den Tisch legen kann. Ärger ist ein mächtiges Gefühl, da es oft mit der Angst den Ärger nicht bewältigen zu können einhergeht. Ich darf dort mal meinen „seelischen Müll“ abladen, ich darf an den gemachten Erfahrungen der anderen Gruppenmitglieder teilhaben und kann mir aus diesen Erfahrungen das für mich Beste herausnehmen. Vielmals haben Männer ihre Probleme damit zuzugeben, dass sie gefühlsmäßig angeschlagen sind. Da wir immer noch überwiegend in einer Gesellschaft leben, in der die Rollen klassisch auf die Geschlechter verteilt sind, das beobachte ich jedenfalls in den Gruppengesprächen, schwebt bei Männern im Hinterkopf, ich darf nicht schwach sein. Schwäche wird vielfach mit „sich nackig machen“ gleichgesetzt. Als „Nackter“ bin ich angreifbar, schwach und verletzlich. Wer verletzt wird, empfindet Schmerz – es ist ein Teufelskreis. Ich spüre instinktiv oder beobachte bei anderen, das Offenheit oftmals Erleichterung und bringt und dies zur Lösungsfindung beiträgt. Dennoch hindert mich meine Angst, die mit dem Ärger einhergeht, am sinnvollen Handeln.

Leider ist ein Umdenken mit sehr viel eigener und auch schmerzhafter Arbeit an meiner Persönlichkeit verbunden. Das Gute ist, diese Persönlichkeitsarbeit kann ich mir durch die regelmäßigen Gruppenbesuche erleichtern.

2.

Die zweite Möglichkeit für Ärger nenne ich mal den „unterschwelligen Ärger“. Der hat die Angewohnheit sich in unser Leben einzuschleichen. Nun kennen wir es aus unzähligen Cowboy- und Indianerfilmen, wer sich anschleicht wird oftmals zu spät erkannt. Dies ist der Ärger, der in seiner Art fast unmerklich, aber sehr hartnäckig ist. Hat er erst einmal zugebissen, lässt er nicht mehr los. Er beißt immer wieder in die gleiche Stelle und fängt an zu nerven, ohne sich als wahre Ursache erkennen zu geben. Er wirkt im Untergrund unseres Bewusstseins. Dies macht es uns so schwer, die wahre Ursache für unsere wachsende Unzufriedenheit zu erkennen. Viele „Macken“ aus meiner Saufzeit habe ich in meine bis heute andauernde Abstinenzphase mitgenommen und auch einige Überlebensstrategien aus der Kindheit mögen mit dabei sein.

Eine davon, welche auch mit zu meiner Abhängigkeit geführt hat, ist nicht NEIN sagen zu können. Sehr oft aus Bequemlichkeit, vielfach aus Angst vor Ablehnung oder aus Angst ausgeschlossen zu werden, habe ich in Situationen ja gesagt, wo ich hätte, nein sagen sollen. Ich habe mich selbst vergewaltigt. Mich überredet bzw. gezwungen etwas zu tun, was ich nicht wollte. Ein solches Verhalten ist auf Dauer krankmachend.

Die Lösung ist so einfach wie schwer zugleich. Achtsam und behutsam mit mir selbst umgehen, mich selbst und meine inneren Widerstände wahr- und ernst zu nehmen. Nur wenn ich innehalte und auf mich achte, kann ich die kleinen körperlichen und psychischen Reaktionen spüren. Nur dann habe ich mir die Chance geschaffen darauf angemessen zu reagieren. Nicht angstgesteuert, sondern aus der Achtsamkeit, Vernunft und Ruhe heraus.

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Nichts ist so schwer wie dies zu verändern. Sich zu erspüren und dann adäquat darauf zu reagieren. Viele Menschen macht es so große Angst, dass sie sich lange gegen wirkende Maßnahmen sträuben. Das wissen wir, die wir aufgehört haben Suchtmittel zu konsumieren nur zu gut. Wir haben lange alle möglichen Ausreden gefunden um das Suchtmittel, in meinem Fall der Alkohol, nicht bei Seite zu stellen müssen.

Als Moderator einer Selbsthilfegruppe stelle ich diese Widerstände immer bei noch Konsumierenden, wie auch bei deren Angehörigen fest. Sie verteidigen sich und ihre Krankheit bis zum Schluss, der Kapitulation.

Ich möchte hier den römischen Philosophen Lucius Annaeus Seneca einmal anders zitieren. Er hatte gesagt:

„Niemand ist so ängstlich, dass er lieber immer hängt als einmal fällt.“

Ich möchte auf uns Abhängige, deren Angehörige und anderen Menschen mit hartnäckigen Gewohnheiten bezogen sagen:

„Die Angst kann so mächtig sein, dass er lieber länger hängt als einmal fällt.“

Seien wir also achtsam mit uns und gehen wir behutsam mit uns um.

Liebe Grüße, euer Gerald

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Das Familienmobile der Abhängigkeiten

Das Bild des Familienmobile`s verdeutlicht für mich, wie Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit miteinander verbunden sind und sich gegenseitig bedingen.

Ausgangspunkt ist eine Familie, in der es eine*n Abhängigkeitserkrankte*n und viele Co-Abhängige Familienmitglieder gibt. Nach meiner Erfahrung, die ich bisher im Rahmen meiner Selbsthilfearbeit gemacht habe, ist die Konstellation aus einem abhängigkeitserkrankten Vater und den verbleibenden Familienmitgliedern als Co-Abhängige stärker ausgeprägt als bei einer abhängigkeitserkrankten Mutter. Als Co-Abhängige halten Frauen oftmals länger fest und übernehmen gleichzeitig mehr Verantwortung. So kann das Bild von einer heilen Familie nach außen meist länger aufrechterhalten werden. Die Familienmitglieder sind wie durch ein Band miteinander verbunden, aber auch abhängig von ihrer Umgebung. Ähnlich wie bei einem Mobile, reagieren sie mit- und aufeinander.

Ein Mensch, der aus seinem Gleichgewicht gebracht wird, versucht automatisch seine Balance wieder zu finden. Stehen beispielsweise zwei Menschen auf einem großen Trampolin und bewegt sich eine*r der beiden, versucht die/der andere diese auf ihn wirkende Bewegung auszugleichen, um nicht zu Falle zu kommen. Wenn diese Interaktion nicht nur unter zwei Menschen stattfindet, sondern unter Familienmitgliedern, wird es ungleich komplizierter.

Zurück zum Mobile – wenn sich in den Verknüpfungen und den familiären Verbandelungen des Familienmobile`s eine Person bewegt, kommen alle in Bewegung. Das ist in einer ungestörten Familie bereichernd. Jede Person trägt zum Gleichgewicht des Mobile`s bei und erfährt gleichzeitig, das Bewegung nichts schlechtes ist, sondern eher Entwicklung und Fortschritt bedeutet. So werden Zusammenhalt und Verbindungen untereinander gestärkt.

Im Gegensatz dazu, sind in Bewegungen in einem gestörten Familienmobile nicht harmonisch und folgen keiner Familienmelodie, da sie meist nur von einer Person, nämlich der abhängigkeitserkrankten Person ausgehen. Auch bei anderen psychischen Erkrankungen sieht das Familienmobile ähnlich aus. Die Bewegungen sind oft so stark, dass die erkrankte Person alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und im Mittelpunkt steht. Bei ihm oder ihr laufen die Fäden zusammen und das Wort „abhängig“ bekommt, bezogen auf das Mobile, noch einmal eine ganz andere bildliche Bedeutung. Wenn die Familienmitglieder nun alle auf dieses eine Familienmitglied fokussiert sind, ist eine gesunde Entwicklung bzw. Weiterentwicklung nur bedingt möglich.

Aufgrund der Herausforderungen und des Ungleichgewichtes in der Familie, die sich aus dem Alkoholismus ergeben, suchen Kinder aus suchtbelasteten Familien oftmals nach Bewältigungsstrategien, um sich anzupassen und das familiäre Gleichgewicht wieder herzustellen. Nicht selten nehmen Kinder aus suchtbelasteten Familien hierfür Rollenmuster ein. In der Literatur findet man hierzu unterschiedliche Modelle (z.B. Rollenmodell nach Martin Zobel). Oftmals werden in suchtbelasteten Familien, in denen der Vater suchterkrankt ist, bei der Mutter und den Kindern Scham- und Schuldgefühle aktiviert. Beispielsweise achten Kinder verstärkt darauf, dass sie keine Klassenkamerad*innen zu einer „ungünstigen Zeit“ mit nach Hause nehmen. Sie gehen dann lieber zu den Klassenkamerad*innen nach Hause. Außerdem herrscht oft die Befürchtung, selbst ausgegrenzt zu werden. Angehörige leiden oft stumm.

„Oft bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“.

Vielleicht schwingt dieses Bibelwort bei den Angehörigen in ihren Reaktionen mit. Vielleicht ist es auch das Pflichtbewusstsein, alles am Laufen halten zu müssen oder doch die übermäßige Scham versagt zu haben, was die Angehörigen nicht konstruktiv handeln lässt. Unumstritten ist jedoch, dass die Situation erst erkannt werden muss, um die Machteinflüsse, die von diesem Gebilde aus Gefühlen, Scham und Schuld ausgehen, abschneiden zu können. Damit bringen sie jedoch das Mobile zum Wanken, das Gefüge wird regelrecht zerrissen. Dies wirkt sich auch oftmals auf die konsumierende Person aus, die verunsichert versucht, die neue Situation einzuordnen. In dieser Situation stehen die Chancen gut, dass die suchterkrankte Person das bisherige Verhalten in Frage stellt und weitreichende Schritte einleitet und vollzieht. Unter den Beteiligten können nun vorsichtig neue Banden geknüpft werden, sodass ein neues Familienmobile entstehen kann.

Ich wünsche Allen, die noch in einem krankmachenden Mobile eingebunden sind, Mut die nötigen Überlegungen zuzulassen, um daraus richtige Schritte abzuleiten und umzusetzen. Seid achtsam und geht sorgsam mit euch um.

Liebe Grüße, euer Gerald

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Buchvorschläge

Du kennst Bücher zum Thema Sucht und findest, dass wir diese in unserem Blogbeitrag aufnehmen sollen? – Melde dich gerne bei uns, wir freuen uns über deine Buchvorschläge.

Shore, Stein, Papier

Mein Leben zwischen Heroin und Haft (Sick, 2021)

Nachdem er als Jugendlicher zum ersten Mal Shore geraucht hat, rutscht $ick immer tiefer ab in eine Spirale aus Drogensucht, Beschaffungskriminalität und Haftstrafen. 25 Jahre lang ist sein Leben bestimmt von Heroin, Koks und Knast. Nach der Geburt seiner Tochter und verschiedenen Entzugsprogrammen ist er heute clean. In der erfolgreichen YouTube-Serie Shore, Stein, Papier auf dem Kanal zqnce.tv redete $ick sich alles von der Seele und wurde für seine fesselnde und authentische Erzählweise 2015 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Die Serie hat seinem Leben eine neue Perspektive verliehen; heute teilt er seine Erfahrungen mit Jugendlichen und leistet Präventionsarbeit an Schulen und Jugendzentren.

„Man staunt oft, wie eloquent Sick den ungeschliffenen Sound der Straße aufs Papier bringt und damit den Leser zu fesseln vermag.“ Die Welt kompakt

Hier gehts zur Leseprobe.

Nüchtern

Über das Trinken und das Glück (Daniel Schreiber, 2016)

»Stellen Sie sich vor, wie Sie ein Walnussbrot aufschneiden, einen provenzalischen Ziegenkäse aus dem Einschlagpapier nehmen, ein paar Muskattrauben dazulegen und sich einen kalifornischen Pinot Noir ins Glas gießen. Wie Sie schon nach dem ersten Schluck spüren, dass jenes warme Gefühl der Entspannung durch Ihren Körper fließt. Wie Sie eine Zufriedenheit spüren, die sich ein bisschen wie Glück anfühlt.«

Aber was ist, wenn es nicht bei dem einen Glas Wein bleibt, sondern regelmäßig eine Flasche oder mehr daraus wird? In seinem Bestseller Nüchtern erzählt Daniel Schreiber, wie es sich anfühlt, diese Schwelle zu übertreten. Er berichtet von einer Krankheit, von der die meisten von uns immer noch glauben, dass sie keine ist. Und von der wir annehmen, dass sie nur die anderen, aber niemals uns selbst treffen kann.

Kluge Gesellschaftsanalyse, neurobiologisches Sachbuch und literarischer Erfahrungsbericht: Nüchtern ist das Aufklärungsbuch unserer Zeit. Es zeigt uns, dass das Glück nicht im trunkenen Vergessen liegt, sondern darin, ein wirkliches Leben zu führen.

Hier gehts zur Leseprobe.

Die Klarheit

Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung (Leslie Jamison, 2020)

Von außen betrachtet mag das Trinken als willentliche Selbstzerstörung erscheinen – für den Alkoholiker ist es so unausweichlich wie der nächste Atemzug. Manchem Künstler, von Raymond Carver über Billie Holiday und David Foster Wallace bis Amy Winehouse, erschien es gar ein Quell der Inspiration. Und auch Leslie Jamison trank, weil sie ihre Mängel verbergen und um jeden Preis besonders sein wollte. Doch dann war das Ausmaß der Selbstzerstörung so groß, dass sie sich Hilfe suchen musste. Und sie erkannte, dass sie erst genesen würde, wenn sie nicht mehr auf ihrer Originalität beharrte.

Mitreißend erzählt Leslie Jamison von ihrer Abhängigkeit und dem harten Weg hinaus. Davon, dass die Loslösung vom Alkohol bedeutet, sein Bild von der Welt und von sich selbst radikal zu hinterfragen und zu verändern. Die Klarheit ist eine persönliche und kollektive Geschichte des Trinkens und des nüchternen Lebens – klug, bewegend aufrichtig und von unverhoffter Schönheit.

Hier gehts zur Leseprobe.

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5 Punkte der Achtsamkeit

Ich lebe seit einiger Zeit selbstbewusst abstinent und moderierte lange Zeit eine Selbsthilfegruppe. Auch heute engagiere ich mich noch für unterschiedliche Selbsthilfeangebote. Die Selbsthilfe ist für mich eine wichtige und notwendige Säule, für jeden abhängigkeitserkrankten Menschen auf dem Weg zur Gesundung. Als ich in die Abstinenz gegangen bin, habe ich für mich entschieden, dies selbstbewusst tun zu wollen.

Mir meiner selbst bewusst zu werden bedeutet, dass ich mir anschaue, wo ich stehe und wie ich aufgestellt bin. Das Ergebnis dieser Überlegungen war die Erkenntnis, dass ich an meinem verschobenen Weltbild, meiner kranken Persönlichkeit und an den Zugeständnissen, die ich an meine Umwelt gemacht habe, erkrankt bin.

Hieraus konnte ich für mich drei Baustellen ableiten:

  1. Baustelle: Ich war der Meinung, dass jede Person es gut mit mir meint. Das stimmt nicht!
  2. Baustelle: Ich war der Meinung, wenn sich meine Umstände ändern, würde es mir wieder gut gehen. Auch das stimmt nicht!
  3. Baustelle: Meine Zugeständnisse an meine Umwelt sahen so aus, dass ich es allen Menschen recht machen wollte. Das geht nicht!

Das waren also meine größten 3 Baustellen. Ich habe mir dann eine Prioritätenliste erstellt. Was ist mir am wichtigsten in meinem neuen Leben? Ganz oben stand meine Abstinenz. Dem hat sich alles andere unterzuordnen. Wow, was für ein Anspruch?

Das war der schwierigste Teil meiner Persönlichkeitsarbeit. Mich selbst immer im Blick zu haben, achtsam und sorgsam mit mir umzugehen – ein langer Lernprozess! Mich ständig zu fragen, tut mir das gut? Ich habe lange gebraucht ein Gefühl dafür zu entwickeln was mir denn überhaupt gut tut.

Eine gute Eigenschaft, die ich erneut lernen durfte, war das „Nein“ sagen. Ich hatte in meinem alten Leben viel zu oft „Ja“ gesagt, aber eigentlich „Nein“ gemeint. In seltenen Fällen passiert es mir heute noch, da ich, wenn ich mich nicht kontinuierlich mit dem Thema auseinandersetzte, in alte Verhaltensweisen zurückfalle. Wenn mir das auffällt, rudere ich zurück und sage, dass ich mich mit meinem „Ja“ zu weit aus dem Fenster gelehnt habe. Dazu kam die Erkenntnis, alles was ich nicht selbst veranlasse geschieht auch nicht. Damit war meine 2. Baustelle zurechtgerückt. Ich darf überall dort tätig werden, wo mir etwas nicht gefällt. Mit der Zeit habe ich mir ein Schema angeeignet, dass ich immer wieder zu Rate ziehe:

  1. Dient es meiner Abstinenz?
  2. Dient es meiner Zufriedenheit?
  3. Bringt es mich in eine rückfallgefährdete Situation?
  4. Kann ich die Konsequenzen meiner Entscheidung tragen?
  5. Habe ich die Geduld, Dinge auszuhalten, die ich nicht ändern kann?

Mit anderen Worten: Mein Umfeld reagiert auf mein Handeln. In aller Regel handele ich anders als in meiner „Saufzeit“. Das muss auf Widerstand stoßen – mal weniger, mal mehr. Wenn ich ein „Nein“ ausspreche, wird das oft als arrogant empfunden. Das kann ich aushalten, da ich weiß, dass es keine Arroganz ist, sondern Selbstsorge und Selbstschutz. Ich darf mir auch darüber im Klaren sein, dass ich manchen Menschen mit diesem Verhalten auf die Füße trete und sie sich vielleicht zurückziehen. Diese Erkenntnis war für mich eine der schmerzhaftesten – wollte ich doch Keinem weh tun. Aber ich kann nicht für mich sorgen, die fünf vorher aufgezählten Punkte im Auge behalten und es gleichzeitig jedem recht machen wollen.

Ein Beispiel: Wenn mich ein Mensch bittet auf seiner Geburtstagsfeier hinter dem Tresen zu stehen und Bier zu zapfen, dann dient dies nicht meiner Abstinenz und meiner Zufriedenheit und ich darf, wenn ich für mich sorge, ausdrücklich „Nein“ sagen. Ja, ich muss sogar „Nein“ sagen! Vielleicht versteht er es, aber es besteht auch die Möglichkeit, dass er geknickt von dannen geht.

Ein anderes Beispiel: Ich nehme niemanden mit oder fahre bei einer anderen Person mit, wenn es zu einer Veranstaltung geht, bei der Alkohol konsumiert wird, da dies zu einer risikobehafteten Situation führen kann. Möchte ich nach Hause, weil mir die Angetrunkenen nur noch auf den Geist gehen, während meine Mitfahrenden noch am Tresen stehen und wild diskutierend Argumente vortragen, um die Zuhörenden doch noch von ihrer Meinung zu überzeugen, kann dies schnell in Frust und Unzufriedenheit umschlagen.

Unzufriedenheit ist der erste Schritt zum Rückfall. Auch eine Regel, die sich aus unzähligen Erfahrungen ableiten lässt. So gibt es auch noch subtilere Beispiele, wo es viel schwieriger ist zu entscheiden was richtig und was nicht richtig ist. Einen Leitsatz, den ich mir aus meinem Leben abgeleitet habe, ist folgender: Jeden Vorteil erkaufe ich mir mit mindestens einem Nachteil oder in jedem Nachteil steckt mindestens auch ein Vorteil!

All das und noch viel mehr habe ich durch meine Krankheit und mit Hilfe der Selbsthilfe lernen dürfen. Das hat mich dazu gebracht zu sagen: Ich bin froh ein Alkoholiker zu sein!

Wer noch Fragen an mich hat, darf mich gerne anschreiben. Dieses Thema ist leider viel zu komplex, als dass man es mit einfachen Worten beschreiben und lösen kann.

Liebe Grüße und Allen viel Kraft und Mut, euer Gerald

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Das Gedankenkarussell –
meine SoberTipps bei Suchtdruck

Suchtdruck – das ist für mich ein starkes Verlangen, eine Art Gedankenkarussell, das sich wie in einer Endlosschleife fortsetzt und sich mal in kleinen, mal in großen Kreisen um mein Suchtmittel bewegt.

Alkohol und Drogen habe ich lange Zeit dazu benutzt, um meinem Alltag, meiner Realität und meinen Gefühlen zu entfliehen. Vor allem dann, wenn sich mein Leben wieder untragbar schwer anfühlt. Alles egal, Hauptsache raus!

Natürlich weiß ich – vor mir selbst zu fliehen, möglich ist das nicht. Und so drehen sich meine Gedanken im Kreis. Mein ungeduldiges Verlangen zieht mich nach rechts in immer kleinere Kreise, an mein Suchtmittel heran. Mein Wunsch nach Abstinenz – groß geworden in letzter Zeit – zieht mich mit gesammelter Kraft nach links außen. Die Kreise werden immer größer, das Gedankenkarussell dreht sich.

Und mit jedem Gedanken „konsumiere ich – konsumiere ich nicht – konsumiere ich – konsumiere ich nicht“ werden die Kreise größer und wieder kleiner.

Neben dem psychischen Gedankenkarussell, das mich unkonzentriert werden lässt, mich ermüdet, überfordert und dafür sorgt, dass meine Stimmung auf einen Tiefpunkt sinkt, werde ich auch nervös und fange übermäßig an zu schwitzen.
Halt! Stopp, denke ich und versuche das Karussell anzuhalten und mich an einige Tipps zu erinnern, die mir bisher geholfen haben, meinen Suchtdruck zu mindern. Mir schießen einige Möglichkeiten durch den Kopf

1. Rufe doch eine Person an, der du vertraust. Die Telefonnummern der Leute aus deiner Selbsthilfegruppe, deines besten Freundes und der Bekannten aus der Therapie liegen in greifbarer Nähe.

2. Lenk dich ab! Gehe spazieren, drehe eine Runde mit dem Rennrad oder schnappe dir deine Fotokamera oder ein gutes Buch.

3. Trinken! Alkoholfrei! Fruchtsäfte, Tee`s oder auch Kaffee mit viel Zucker konnten in der Vergangenheit dein Bedürfnis nach Flüssigkeit stillen, haben deinen Magen gefüllt und den Suchtdruck gelindert.

4. Moment, welcher Tag ist heute? Oh, die Selbsthilfegruppe bei dir um die Ecke, in der du dich so wohlfühlst und die dich so freundlich und herzlich aufgenommen hat, trifft sich heute noch. Letzte Woche hast du dort doch die Zeit vergessen und wunderbare Gespräche mit Leuten geführt, die dich verstanden haben.

5. Versuche direkt morgen deinen Tag besser zu planen und zu strukturieren. Heute hast du dich nur so durchgewurstelt und hast die Tagesstruktur, die du dir in letzter Zeit zurechtgelegt hast und die dir guttut, verworfen.

6. Deine Nüchternheit hat oberste Priorität, alles andere kann warten. Vergiss das nicht!

7. Die anderen SoberGuides! Als du das letzte Mail Suchtdruck hattest und eine bzw. einen der SoberGuides kontaktiert hast, hat dir das sehr geholfen. Der Suchtdruck war nach dem Chatten und ein anderes Mal nach dem Telefonat wie verflogen.

8. Was hat dich denn getriggert? Ach-ja – versuche beim nächsten Mal toleranter zu sein, Gefühlsausbrüche zu vermeiden und denke daran, dass auch dein Gegenüber Recht haben könnte.

Ich greife zum Hörer und wähle eine Nummer, die ich mittlerweile auswendig weiß. Am anderen Ende begrüßt mich eine vertraute freundliche Stimme. Das Gedankenkarussell bleibt stehen und ich springe ab.

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Warum gibt es eigentlich abstinent lebende Süchtige, die zufrieden sind und kein Verlangen mehr nach dem Suchtmittel haben?

Unbestritten ist, das suchtkranke Menschen weiter Hilfe suchen sollten, solange es diesen Suchtdruck noch gibt und auch darüber hinaus. Eine Suchterkrankung ist kein Schnupfen, der kommt und wieder geht. Die Probleme, die ich mit aller Macht versucht habe zuzudecken, müssen bearbeitet werden. Auf Dauer ist eine Selbsthilfegruppe hierfür ein sehr guter Weg.

Ich freue mich auf eure Kommentare.

Viele Grüße, euer Andreas

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„Alkoholsucht ist nicht der Durst der Kehle, sondern der Durst der Seele.“
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Sucht-Selbsthilfegruppen während des Corona-Lock-Downs

Zusammenhalt oder Entfremdung?

Gemeinschaft, Zusammenkünfte in Gruppen, Treffen mit Gleichgesinnten, gegenseitige Unterstützung und Hilfe sind die Stärken der Selbsthilfe. Dann kam Corona. Niemand war auf den Lockdown vorbereitet. Gerade die Selbsthilfe, die auf und den persönlichen Kontakt angewiesen ist, wurde durch die Situation in den vergangenen Monaten auf eine harte Probe gestellt. Es war nicht abzusehen, ob und wie es überhaupt weitergeht. Wir haben uns damit arrangiert und inzwischen kommen die meisten Gruppen wieder zusammen. Vorbei ist es aber immer noch nicht und für die gewohnten Freizeitaktivitäten ist vorläufig nur wenig Spielraum gegeben.

Was hat die Corona-Krise mit der Selbsthilfe, mit unseren Gruppen und mit unserem Vereinswesen gemacht?

Diese Frage ist mir durch den Kopf geschossen, nachdem wir uns nun endlich wieder treffen konnten. Die Guttempler in Berlin haben rund 400 Mitglieder. Haben die einzelne Gruppen Wege gefunden, den Kontakt zu halten und den Austausch miteinander fortzusetzen? Ich habe mich umgehört, die Stimmen sind zwar nicht repräsentativ, geben aber einen ersten Eindruck wieder.

Ein Teil der Gruppen hat den Kontakt über soziale Medien fortgesetzt und sich zum Beispiel über WhatsApp ausgetauscht. Für manchen ist das die tägliche Praxis, andere taten sich schwerer damit. Mimik und Gestik nicht zu sehen und auf schriftliche Kommunikation umzusteigen war für viele ein Novum.

Andere Gruppen tauschen sich per Videokonferenz aus. Wir sind gespannt, wie sich die Erfahrungen auf die Zukunft auswirken. Der Vorschlag, virtuelle Gruppen dauerhaft einzurichten, wird inzwischen auf vielen Ebenen diskutiert, denn auch über die Coronakrise hinaus bietet diese Technik die Möglichkeit, Menschen mit eingeschränkter Mobilität an den Angeboten der Suchtselbsthilfe teilnehmen zu lassen.

Andere halten den Kontakt per Telefon. Hierzu nutzen die Gruppen auch Systeme für Gruppentelefonate und treffen sich zu festen Telefonzeitenzeiten. Es war zu Anfang ungewohnt, nur die Stimmen zu hören, statt die gewohnten Gesichter zu sehen. Und das obwohl aber die meisten Gruppenmitglieder sich zum Teil schon lange kennen.

Eine besondere Herausforderung war die Einbindung von neuen Hilfesuchenden in bestehende Gruppen.

Wir wissen aus Erfahrung, dass es ein langer Weg sein kann, erstmalig Kontakt zu einer Gruppe aufzunehmen. Wenn keine Möglichkeit besteht, nach dem Erstkontakt Vertrauen durch persönliche Begegnungen herzustellen, bleiben Menschen in dieser wichtigen Phase leider allzu oft auf der Strecke. Selbsthilfe braucht Kontinuität. Durch die ständig veränderten Gegebenheiten, Regelungen und Maßnahmen war der gewohnte Übergang vom telefonischen Kontakt in die Gruppe oft zum Scheitern verurteilt.

Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass es viele Versuche gegeben hat, den Kontakt unter den schwierigen Bedingungen zu halten.

Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Selbsthilfe großer Bedarf besteht, sich neuen Kommunikationsformen und -techniken zu öffnen. Dass es uns zum Teil kalt erwischt hat, lag weniger an der Akzeptanz als an fehlenden Kenntnissen und Routine im Umgang mit diesen Möglichkeiten. Dies sollte auch bei der Planung künftiger Weiterbildungsangebote berücksichtigt werden.

Umso mehr freuen wir uns jetzt mit den SoberGuides ein Angebot in der Sucht-Selbsthilfe geschaffen zu haben, um gerade neuen Hilfesuchenden eine erste Anlaufstelle und Begleitung anzubieten.

Was mich interessieren würde: Wie waren eure Erfahrungen? Welche Möglichkeiten habt ihr gefunden und genutzt, die Kommunikation aufrecht zu halten? Was hat gut funktioniert, was nicht? Woran haben wir vielleicht noch gar nicht gedacht? Was kann man weiterhin nutzen und was braucht die Suchtselbsthilfe für die Zukunft?

Ich freue mich auf eure Kommentare.

Viele Grüße, eure Sabine

SoberGuide für:
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„Phantasie ist die Vorschau auf die kommenden Ereignisse des Lebens“
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